Reportage im Custombike-Magazin

First Asphalt - Nowsalt

Autor: Buddel , Fotos Horst Rösler

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Auf den Salzseen von Bonneville jagen seit mehr als einem halben Jahrhundert Träumer aus der ganzen Welt die Höchstgeschwindigkeit in ihrer Klasse. Das deutsche »Nowsalt«-Team schrieb in diesem Jahr ein Stück Salzsee-Geschichte mit und begab sich auf eine Reise der besonderen Art.

 

Ein Traum kann normalerweise unausgereift als ein Ablauf von Bildern, Gefühlen und Sensationen betrachtet werden. Als Abfolge von Emotionen, die einbrechen, auftreten, unfreiwillig in der Seele wühlen, während verschiedener Stages des menschlichen Schlafes. Niemand träumt gleich. Es gibt jene, die in der Nacht träumen – in den staubigen Ecken ihrer Seele – und den Inhalt ihrer Träume beim Morgengrauen wieder verlieren. Aber es gibt auch die wachen, wagemutigen Männer und Frauen, die mit offenen Augen träumen, die den Mut finden, solche Träume möglich zu machen und diese zu leben. Von solchen Träumen soll diese Geschichte handeln.

 

Der Rausch der Geschwindigkeit, die Arbeit der Gemeinschaft, mit vereintem Wissen und unermüdlicher Mühe über zwei Jahre einem Ziel zuzuarbeiten war aus einer modernen, kaum zu glaubenden Geschichte geboren. Der Junggesellenabschied von Günter Retsch mit vier Freunden in Santa Pod/England, führt zu dem Wunsch, erneut gemeinsam ein Speed-Projekt zu stemmen. Inspiriert durch den Film »Mit Herz und Hand« folgt die Entscheidung, den schon bestehenden Ducati-Dragster aus alten Tagen für einen Weltrekordversuch auf dem berühmten Salzsee in Bonneville erneut auferstehen zu lassen und umzubauen. Das Projekt ist geboren: »The worlds fastest Ducati 2012«. Zum Bau des Motorrades bleiben 20 Monate. Unbeschrieben ist das Blatt des Teams dabei nicht. Über einen Zeitraum von zehn Jahren rockte die Acherner Bande um den Roadracing Rastafari Günter Retsch die europäischen Dragstrips in der Zweizylinder-Klasse. Artfremd unter Harleys, missachtet von den damals gängigen Mainstream-Medien, aber durchaus erfolgreich.

 

Erfolge in Hockenheim auf den NitrOlympics, dem bedeutendsten Rennen Europas, waren mit einem ersten und einem zweiten Platz zu verzeichnen. Dazu kamen diverse Siege europaweit, als bestes Ergebnis im Abschluss konnte der vierte Platz in der Europameisterschaft verzeichnet werden. Und trotzdem, das Salzsee-Projekt ist ein absoluter Neubeginn, ein sportlicher Höhepunkt sondergleichen. Man kann so was mit großem Geld angehen oder mit Zusammenhalt und regionaler Unterstützung durch Helfer und Sponsoren. Auf Zweiteres besann sich das deutsche Team. Mit regionaler Unterstützung geht es los: Im Oktober 2010 starten die Berechnungen von Fahrwerk und Motor des Rackers, parallel begeben sich die Team-Member unermüdlich auf Sponsorensuche, basteln eine Webseite und geben fortan regelmäßige Wasserstandsmeldungen an alle, die es interessiert. Über die nächsten zwei Jahre wird nun getüftelt, geschraubt, gebastelt, verworfen, neu begonnen, eingestellt und abgestimmt, dass es eine wahre Freude ist. Am 24. August 2012 steht das Team mitsamt seiner 300 PS-Ducati – liebevoll Diva genannt – in Bonneville/Utah. Hier wird das Finale des salzigen Traumes steigen, und hier wird sich zeigen, ob sich all die Mühen gelohnt haben.


Race-Days in Bonneville – ein Auf und Ab der Gefühle


Die technische Abnahme, die erste große Hürde, die es zu nehmen gilt, gelingt auf Anhieb. Es zeigt sich, dass die Vorarbeit des Teams nahezu perfekt war, drei kleinere geforderte Modifikationen sind zu verschmerzen. Das Bike erregt großes Aufsehen, ebenso wie das Team – das das mit Abstand größte im gesamten Fahrerlager ist.
Man darf sich die Bonneville Salt Races in etwa so vorstellen, als dass man sich morgens um sechs Uhr mit allem Equipment auf den See begibt und abends wieder abreist. Die Aufbauten wie das Teamzelt im Fahrerlager können stehen gelassen werden. Dazwischen wartet man. Mitunter mehrere Stunden, bis einem die Gelegenheit gegeben wird, einen Lauf zu vollziehen.


Die große Crux dieses Wettbewerbes: Die Profis mit ihren in Jahren erbauten Hämmern haben keinen Vorrang. Originale Streetbikes und semiprofessionelle Teams werden den echten Profis gleichgestellt. Es gibt kein Upper Class Ranking. Ganz am Rande erwähnt – Amerikaner sind als Rennleiter und Veranstalter keine deutschen Perfektionisten – unser hierzulande gewohnter Organisationsapparat ist in den Staaten doch eher als südländisch und locker zu bezeichnen. Der erste Renntag ist folglich mehr als ernüchternd, die Diva schaukelt, der Lenker flattert, technische Änderungen werden erörtert und umgesetzt. Der zweite Renntag fällt gelinde gesagt ins Wasser – die Strecke ist nach einem epischen Starkregen komplett überflutet. Bad luck. Am dritten Raceday können endlich zwei Läufe gefahren werden, die als Zielsetzung nur Fehlereingrenzung haben. Ohne Verkleidung zu fahren ist dabei die erste Maßnahme, um das Flattern der Lenkung auszuschließen.


Stundenlanges Warten
Der Tag vier auf den Salt Flats bringt das Team nach einer Veränderung des Nachlaufs am Fahrwerk annähernd in Reichweite des amerikanischen AMA-Rekords: 163.301 mph – der AMA-Rekord in dieser Klasse ist 163.436 mph.  Nowsalt fährt in diesem Stadium immer noch mit dem gigantischen Handicap, ohne Verkleidung unterwegs zu sein. Dennoch im Mittel mehr als frustrierend – Bonneville zu racen, heißt eigentlich stundenlang im Vorstart zu verhungern. Mehr als zwei Läufe pro Tag sind nicht drin – ein gravierender Grund nicht zu Höchstleistungen zu gelangen. Fahrwerksabstimmung läuft einfach über Erfahrung, mangels Möglichkeiten kommt dieser Prozess aber eben nur langsam in die Gänge. Aber aufgeben gilt nicht. Am letzten und entscheidenden Tag dann der Durchbruch: Es gelingt Günter, wohl mit mehreren Messern zwischen den Zähnen, auf einer Oberfläche, die er als Mischung zwischen verschneitem Kopfsteinpflaster und gefrorenem Feldweg bezeichnet, mit 169,047 mph der Rekord in der amerikanischen AMA Klasse. Sieg oder Tod.

Das alles immer noch ohne Verkleidung. Weshalb dieser Sieg in derartigen Geschwindigkeitsbereichen eine ganz besondere Note erhält. Nach vier Tagen ist der Spuk schon vorbei, das Nowsalt-Team hat aber Blut geleckt. Mit demselben Team, der gewonnenen Erfahrung, mit optimiertem Setup und dieser unwiderstehlichen Mischung aus Enthusiasmus, Wahnsinn und technischem Know-how will das Team 2014 erneut antreten und diese faszinierende Story von Freundschaft und Hingabe fortsetzen. Es gilt schließlich noch dem exklusiven 200-Meilen-Club beizutreten, den eigenen Rekord zu festigen sowie den Titel »Worlds fastest Ducati« einzunehmen!


Sechs Wochen nach der Rückkehr aus Utah gibt es dann aber doch noch eine dicke Überraschung für alle Beteiligten. Die FIM (Federation Internationale de Motocyclisme) meldete mit dieser gefahrenen Geschwindigkeit einen neuen Weltrekord in der Klasse der aufgeladenen Zweizylinder bis 1000 ccm. Dass diese Klasse gesondert gewertet wird, war den Nowsaltern gar nicht bewusst . Herzlichen Glückwunsch!


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Der Fotograf Scooter Grub hat ein Bildband herausgebracht. Gezeigt werden alle Bikes die an der BUB-Veranstaltung 2012 einen Rekord eingefahren haben. Unser Bike ziert den Deckel dieses Buchs das als Soft- oder Hardcover bestellt werden kann.

 

Wer Interesse an einer Bestellung hat kommt mit folgenden Link auf die blurb-website.