Günter Retsch und sein Team basteln an einer Weltrekord-Ducati.

Autor: Simone Höhl

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Jetzt müssen sie Gas geben mit ihrem Projekt. Fünf Kumpels aus Achern haben beschlossen, die schnellste Ducati der Welt zu bauen. Den Beweis wollen sie auf dem legendären Bonneville-Salzsee in den USA antreten und auch gleich den Weltrekord von 368 Stundenkilometern brechen. Ihr Motorrad muss bald aufs Schiff, ist aber noch nicht ganz fertig. Eine Schnapsidee? Ja. Und sie hat höchst professionelle Formen angenommen.

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Die Idee entstand beim Junggesellenabschied von Günter Retsch. In Erinnerung an alte Zeiten haben sie ihn zu einem Rennen in England entführt: Der Kern seines Teams, mit dem er Amateur-Beschleunigungsrennen gefahren ist, bis die Familien wichtiger waren. "In England hat’s geregnet und wir mussten trinken", sagt Daniel Grießmayer, 41, mit einem Grinsen so breit wie sein Scheitel: "Es hat lang geregnet." Das ist zwei Jahre her. Sie haben ihre alte Maschine der italienischen Marke Ducati auseinandergenommen und samstags in der Werkstatt die neue konstruiert, getüftelt und geschraubt. Inzwischen muss das Freizeitteam jeden Feierabend ran. "Der Endspurt ist hart", sagt Grießmayer. Ihr Ziel ist verwegen, ihr Motto unbescheiden: the world’s fastest Ducati.

Die Ortenauer sind verrückt, aber alle vom Fach und nicht allein. Ihr Projekt finanzieren sie selbst und mit Sponsoren – vom Acherner Frisör über Hightech-Profis bis Krautmotors, ein Szene-Label, das ein T-Shirt für das Projekt auflegte. Ein Käufer hat prompt angefragt, ob er helfen kann, "er hätte ein wenig Ahnung", erzählt Frank Beppler, 45, der Mann fürs Marketing. Anfang Juni sind dann die Motorradverkleidungen von der Firma Cotesa angekommen, die sonst Carbonteile für die Luftfahrtindustrie herstellt. "Eine enorme Unterstützung", sagt Günter Retsch, der Fahrer. Die Firma MRA in Teningen hat die Windschutzscheiben springen lassen. 15 Männer und Frauen arbeiten fest am Projekt, weitere lose. "So viele Leute helfen mit, sonst ging das nicht", sagt der 45-jährige Motorradmechaniker mit Dreadlocks. Er leitet die Werkstatt, in der sie an der Diva arbeiten, wie sie ihre Maschine nennen – weil sie italienisch, zickig und schön ist. Schön schnell ist sie auch.

Im Team tut jeder für sie, was er kann: Daniel Grießmayer hat den Rahmen konstruiert und das Fahrwerk berechnet, Heiko Kaupp, der "Schweißgott", setzt alles zusammen, Jens Genter ("wie intelligenter") hat die Aerodynamik berechnet. Der rotblonde Schlacks ist 29, hat Verfahrenstechnik studiert und beim "Schluckspecht" der Hochschule Offenburg mitgemacht – da ging es um Prototypen, die wenig Energie verbrauchen, "hier geht’s um Leistung und Endgeschwindigkeit".

Genau geht es in der Rennwoche Ende August um eine Reihe Rekorde. Den ihrer Klasse (teilverkleidete Sonderkonstruktion mit Turbolader, Benzin, bis 1000 Kubik), der bei 264 Kilometern pro Stunde liegt. Mit 322 km/h sind sie Mitglied im "200 miles per hour club" – Ehrensache in Bonneville, wo vor fast 100 Jahren die erste Motorrallye stattfand; die topfebene Wüste ist für Rekorde auf Rädern, was Wimbledon fürs Tennis ist. Die weltschnellste Ducati wollen sie haben. Und den Weltrekord auf Salz – Tempo 368 – den wollen sie auch heimbringen.

Vor kurzem war die Diva bei Fachleuten in Finnland, die Elektronik beigesteuert und sich ums Feintuning gekümmert haben. Ihr Urteil: über 300 PS. Messen ließ sich’s nicht, sobald der Turbo einsetzte, haben die Reifen auf dem Prüfstand durchgedreht. Bei 250 Stundenkilometern war der höchste Gang noch nicht drin, erzählt Ersatzfahrer Grießmayer. Früher fuhr das Team auf Asphalt, nun fahren sie auf Salz, weshalb das Projekt "now salt" heißt. Damit da die Räder besser greifen, arbeiten sie an der Traktion, sagt Beppler. "Zur Not hock ich hinten drauf." Einen Gang runterschalten ist für die Crew nicht, die Zeit rast: Die Verkleidung ist beim Lackierer, bald wollen sie einen Test fahren, vielleicht in Berlin, doch das kostet Zeit und Geld. Um die 35 000 Euro kostet das Projekt – ohne Arbeitsstunden, gesponserte Teile und Reise. Geldgeber sind willkommen, wenn jemand zwei, drei Kilometer gerade Strecke in der Nähe zum Testen hätte, wär’s fast noch besser. In einem Monat kommt die Diva aufs Schiff. "Man könnt meinen, wir sind knapp im Zeitplan – stimmt", sagt Grießmayer. Das macht in Achern keinen nervös. Haariger ist, dass Retschs Zopf gestutzt werden muss, damit er ihn aerodynamisch in die Kombi stecken kann. 20 Jahre hat Retschs Haarpracht auf dem Buckel. Grießmayer meint: "Wir brauchen nicht mehr als 20 Sekunden."