Der schnelle Wüstentraum

Mit 370 Stundenkilometern wollen sieben Motorradverrückte aus Achern auf einem Salzsee in Utah einen Geschwindigkeits-Rekord brechen

Von Brigitte Gass (Text) und Peter Heck (Fotos)

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Mit dem Block fing alles an. Und zwar mit einem übrig gebliebenen Motorblock einer Ducati-916er. Heute, rund eineinhalb Jahre und 2000 Arbeitsstunden später, steht die Maschine, die hier alle nur »Sie« nennen, auf der Hebebühne in der Motorradwerkstatt Otteni und Strauß in Achern.


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Eine Rennmaschine, die im August den Traum von sieben Motorradverrückten aus der Ortenau wahr werden lassen soll: auf dem legendären Salzsee in Bonneville/Utah verschiedene Geschwindigkeitsrekorde in der 1000-ccm-Klasse der teilverkleideten Bikes zu knacken. Das heißt, dass »Sie« mindestens 230 Meilen pro Stunde, also rund 370 Kilometer, schnell sein muss. »Nowsalt« nennen sie ihr Ducati-Projekt, da eben auf Salz – nicht wie bisher auf Asphalt – gefahren werden soll. Doch wer steht nun hinter »Nowsalt« aus Achern? Was sind das für Typen, die bereit sind, Tausende von Stunden und Euros in ein Motorrad zu investieren, mit dem man schneller als Tempo 350 fahren kann? Und wo wird geschraubt, mit welchem Werkzeug gearbeitet? Und wie organisieren sie das Ganze? Ortstermin in der Werkstatt. Samstag, 14 Uhr. Gemeinsame Schraubsession, wie jede Woche. In der hellen Werkstatt mit dem transparenten Rolltor, die dem Acherner Motorradhaus Otteni und Strauß gehört, wartet Günter Retsch, der unverzichtbare »Chefschrauber«. Von wegen dunkle Schrauberwerkstatt im Hinterhof. Hier ist picobello aufgeräumt, sauberer Kachelboden, High- Tech-Werkzeug, wohin man blickt, Werkzeugwagen mit jeder Menge Schubladen, darin alles penibel einsortiert. Und mittendrin Günter, der schon mal Schraubenschlüssel, Zangen und Öllappen auf der Hebebühne neben der Maschine drapiert. Er wird »Sie« in Bonneville auch fahren. Wettergegerbtes Gesicht, reichlich tätowiert und riesiger Rastazopf, der, so frotzeln die anderen, eventuell der Aerodynamik geopfert werden muss. Mit ihm arbeiten heute Heiko Kaupp, der Herr der Schweißnähte – sein Markenzeichen: Kappe mit Schild nach hinten – und Mechaniker Jürgen Schmidt, den alle im Team den Seelsorger nennen. Schraubtermine sind auch Besprechungstermine. Deshalb kommen heute auch Dominik Ehmann, fürs Betriebswirtschaftliche zuständig, Marketingmann Frank Beppler und Kerstin Rixen, die sich um die Homepage kümmert, in die Werkstatt. Vertrautes Hallo, Lachen, schnell noch die neuesten Infos zum Stand des Projekts austauschen. Dazu ein »Tannenzäpfle«. Und wenn Biker unter sich sind, geht’s um Fakten: High-Tech-Rennbike. 955 Kubik, zwei Zylinder, derzeit rund 250 PS stark, nach einem Tuning in Finnland im Mai werden es noch mehr sein, 11 000 Umdrehungen, Ladedruck über ein Bar. Das Herz: ein Ducati- 916er Motor, Zweizylinder. Bis auf den ist alles selbst konstruiert, vom Rahmen über die Einspritzanlage bis zur Abgasanlage. Denn mit Daniel Griessmayer und David Jasinski hat »Nowsalt« zwei absolute Experten in Sachen Konstruktion und Motoren im Team. Viele Teile wurden weltweit bestellt, manches eigens von Spezialisten aus aller Welt angefertigt und nach Achern geliefert. Doch der lockere Ton beim Bier in der Werkstatt täuscht. Das heutige Arbeitspensum ist hoch. Günters Ansage: Die Auspuffanlage muss endlich fertig werden. Die Zeitvorgabe: Open End. Günter streift sich die engen schwarzen Arbeitshandschuhe über. Plötzlich verstummen die Gespräche und blitzartig wird aus der scheinbar lockeren Truppe ein hochprofessionelles und präzise arbeitendes Schrauberteam. Heiko rückt seine blaue Gasflasche ran, dreht den Hahn auf, zündet und die hellblaue Flamme zischt los. Mechaniker Jürgen schiebt den Werkzeugwagen mit den vielen Schraubenschlüsseln an die kleine Hebebühne, auf der »Sie« thront. Günters Händeverschwinden samt Schraubenschlüsseln zwischen Kabeln, Rohren und Schaltern im Inneren des Bikes. Es geht los. »Die Abgasanlage hat uns schon drei Samstage gekostet. Heute legen wir fest, an welchen Stellen die Abgastemperatursonden andocken, und machen die Anschlüsse fertig«, erklärt Günter, der als Werkstattleiter bei Otteni und Strauß arbeitet. Jetzt ist äußerste Sorgfalt gefragt. »Bei so hohen Geschwindigkeiten muss alles perfekt passen, sonst steigt das Risiko enorm«, weiß Günter. Er ist viele Jahre Dragster-Rennen gefahren und war bei Europameisterschaften dabei. Das Ziel damals: maximale Beschleunigung, von null auf hundert in zirka eineinhalb Sekunden. Nach acht Sekunden war das Rennen schon vorbei. Jetzt geht es um maximale Geschwindigkeit. »Bei über 350 Stundenkilometern im Durchschnitt innerhalb einer gemessenen Meile liegt der derzeitige Rekord in unserer Klasse. Auf Salz drehen die Reifen schneller durch, da müssen wir mindestens 380 Kilometer pro Stunde Radgeschwindigkeit erreichen«, erklärt Günter, während er die letzten Schrauben des Abgaskrümmers löst. Sofort sind Heiko und Jürgen zur Stelle und nehmen die Edelstahlrohre ab. Der nächste Meilenstein im geplanten »Nowsalt«-Kalender: ausgiebige Tests in Finnland bei Hestec, »den« Experten für elektronische Motorsteuerung und Tuning. Eine Woche geht’s Ende Mai samt Bike in die Nähe von Helsinki. Dann bekommt die Maschine ein neues Steuergerät, mit dem, da sind sich »Nowsalt« und die Hestec-Jungs einig, der Geschwindigkeitsrekord ein kleineres Problem wird. Dominik übersetzt nebenbei die neueste E-Mail von Hestec aus Finnland. Beste Nachrichten: Fünf Mann werden dort mehrere Tage, wenn’s sein muss auch nachts, an der optimalen Motorsteuerung arbeiten. Unentgeltlich. Der Traum der Ortenauer hat offensichtlich auch die Finnen begeistert. Dominik tüftelt an der Logistik für den Finnland-Trip. Wer wann mit Transporter und Bike losfährt, wann die Fähre von Rostock nach Helsinki geht und wer direkt mit dem Flugzeug nach Helsinki nachkommt. Er hat immer ein Auge darauf, dass die Kosten im Rahmen bleiben. »Bis jetzt haben wir rund 15 000 Euro für Teile ausgegeben. Klar stecken im Projekt auch viele Euros von uns, aber vor allem von Sponsoren, die uns unterstützen«, erzählt Frank Beppler. In der letzten Augustwoche soll der Traum in Utah Wirklichkeit werden. Wenn sich, wie jedes Jahr, auf dem legendären Salzsee Motorradverrückte aus aller Welt treffen. »Es gibt kein Zurück mehr. Die Flüge und Hotelzimmer sind gebucht und bezahlt«, erzählt Günter und treibt seine Jungs zur Arbeit an. Klar gebe es immer mal wieder Spannungen im Team, schließlich verlangt das »Nowsalt«-Projekt viel von allen. Besprechung jeden Dienstag mit ellenlangen Todo- Listen, Werkstatt immer samstags, oft auch sonntags. »Und in den nächsten Wochen werden wir ohne Nachtschichten nicht auskommen«, ruft Günter hinter dem Bike vor. Doch die »Nowsalt«-Truppe ist ein eingeschworenes Team. Zusammengeschweißt durch gemeinsame Rennerfolge und Niederlagen, nächtelange Sessions in Werkstätten auf der Suche nach einem winzigen Motorfehler, der den Rennerfolg am nächsten Tag gefährden könnte. Ein Team, das so schnell nichts umhaut. »Da kennt man sich und weiß, wer wie tickt«, erzählt Frank Beppler. »Und verrückt sind wir alle ein bisschen, dann passt’s ja.«